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26.06.2002 - Der Tages-Anzeiger

Ein Windrad weckt Gefühle

Klein und leise sind die neuen High-Tech-Windräder. In Brütten stehen schon drei, in Winterthur folgen weitere.

«Ein Windrad weckt Emotionen», sagte gestern Ingenieur Peter Krüsi bei der Einweihung des dritten Propellers in Brütten. Der Geschäftsführer der Winterthurer Aventa AG glaubt, dass jeder Mensch Kindheitserinnerungen an farbige Windrädchen hat und deshalb den grossen Rotoren gegenüber positiv eingestellt ist. Die Windanlagen wecken aber auch negative Gefühle, pikanterweise in den gleichen Umweltverbänden. Als «Spargeln» in der Landschaft sind sie vielen Natur- und Vogelschützern ein Dorn im Auge. Ökostrom-Promotoren und Landschaftsschützer legen sich so gegenseitig lahm.

WWF zeigt Flagge

Der WWF Zürich hat gestern das Patronat der dritten Brüttemer Anlage übernommen. Politisch ist dieses Engagement brisant. Der WWF zeigt Flagge und schlägt sich auf die Seite jener, die ökologisch und dezentral produzierten Strom dem reinen Schutz der Landschaft vorziehen. Walter Thierstein, Vorstandsmitglied beim WWF Zürich, umriss seine Strategie so: «Die richtig dimensionierte Windanlage am richtigen Standort.»

Die Winterthurer Aventa AG kommt dieser Forderung entgegen. Sie hat die weltweit erste Leichtwindanlage entwickelt. Ein Windrad «ab der Stange», wie es an den Küsten Deutschlands steht, stände in der Schweiz meistens still. Und wäre viel zu dominierend für unsere kleinräumige Landschaft.

Das Brüttemer Windrad springt beim kleinsten Windhauch an (2 Meter pro Sekunde) und hat eine um 80 Prozent grössere Rotorfläche als konventionelle Anlagen. Zudem hat es eine aktive Windnachführung durch ein Elektromotörchen, wodurch es schnell auf variable Winde reagieren kann. Auch das Verstellen der 6 Meter langen Rotorblätter ist elektronisch geregelt: Bläst es mehr als 6 Meter pro Sekunde, wird der Anströmungswinkel verschlechtert, damit der Rotor nicht wie wild zu drehen beginnt. Bei über 14 Meter pro Sekunde werden die Blätter quer gestellt, und der Rotor steht still. Probe aufs Exempel gestern auf dem Feld. Die Luft ist stickig-heiss, die Ähren auf dem Kornfeld bewegen sich sogar im windigen Brütten kaum. Der Propeller dreht 30-mal pro Minute - lautlos. Dreiflüglige Propeller sind leiser als Zweiflügler, der 18 Meter hohe Betonmast vibriert im Gegensatz zu einem Stahlmast nicht. «Das Knistern der Starkstromleitung im Winter ist lauter als das Windrad», sagt Landwirt Ernst Wyss vom Birchhof. Er hat das Land gratis zur Verfügung gestellt. Die Anlage steht an einer Strassenkreuzung, damit sie beim Mähen weniger stört.

Ein Lehrer als «Financier»

So einmalig wie die Technologie ist auch die Finanzierung der dritten Brüttemer Anlage. Urs Arter aus Uster, Sekundarlehrer in Zürich und WWF-Mitglied, hatte etwas Geld geerbt und erkundigte sich nach einer ökologischen Kapitalanlage. Nun hat er als Privatmann ein Windrad finanziert, das schlüsselfertig rund 130 000 Franken kostet. Ein Viertel der Kosten hat ihm die ZKB als Umweltdarlehen zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug kann Urs Arter Strom verkaufen: rund 12 000 Kilowattstunden à 1 Franken.

Abnehmer des Stroms ist das EW Brütten, das bisher gegenüber Wind- und Solaranlagen sehr grosszügig war. Künftig will das EW aber keine neuen Förderverträge mehr eingehen. Man ist im Dorf offenbar zur Ansicht gekommen, auswärtige «Tüftler» und Umweltorganisationen nicht mehr zu «subventionieren». Unter anderem war auch das Argument zu hören: «Lieber Hecken pflanzen als Windräder bauen.» Die alten Verträge, meist auf acht Jahre hinaus, bleiben aber bestehen.

Hoffen auf das EMG

Investor Urs Arter ist trotz der Kehrtwende in Brütten optimistisch. Er hofft - wie auch der WWF - auf das Elektrizitätsmarktgesetz (EMG), das für Ökostrom ein kostenloses Netzdurchleitungsrecht vorsieht. So kann Arter vielleicht dereinst seinen Strom aus Brütten an die Basler Windstrombörse verkaufen. Sein Windrad produziert - je nach Windverhältnissen - Strom für drei bis acht Haushalte.

Die Firma Aventa hat bereits vier moderne Leichtwindanlagen installiert: zwei in Brütten (plus ein älteres Modell), eine im solothurnischen Rüttenen und eine in Marthalen. Heute wird eine weitere in Winterthur-Stadel aufgebaut, Ende August folgen zwei auf dem Taggenberg.

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