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23.11.2002 - Berner Zeitung

Umstieg auf Windstromproduktion - Doch nur ein laues Lüftlein?

Es sei eine Illusion zu meinen, mit Windenergie liessen sich alle Schweizer Kernkraftwerke ersetzen. Mit dieser Aussage begeben sich die Bernischen Kraftwerke (BKW) auf Konfrontationskurs.
Noch im Frühling dieses Jahres brachten zwei unabhängige Studien der Beraterfirmen Infras und Prognos frischen Wind in die Energiediskussion. Gemäss den vom Bundesamt für Energie (BFE) präsentierten Resultaten könnten die fünf Schweizer Kernkraftwerke nach 40 Jahren Betriebszeit abgestellt werden. Windstromimporte wurden als viel versprechende Alternative angepriesen. Und das gar bei wirtschaftlich vertretbaren Mehrkosten. Glaubt man hingegen den BKW, so bleibt vom anfänglichen Schwung bestenfalls noch ein laues Lüftlein übrig: «Der Ersatz schweizerischer Kernkraftwerke durch Windenergie ist aus technischen, wirtschaftlichen, landschaftsschützerischen und umweltpolitischen Gründen unrealistisch», sagt Martin Pfisterer. Er ist Präsident der Juvent SA und Leiter Corporate Communications der BKW. Die Juvent SA ist ein Partnerunternehmen der BKW und die mit Abstand grösste Windstromproduzentin der Schweiz.
Zweifel an Zielen
Pfisterer bezweifelt auch, dass die Schweizer Windstromproduktion bis 2010 verzehnfacht werden kann, wie es die Bundesbehörden anstrebten. Das begründet er mit den schwachen innerkontinentalen Winden und der hier zu Lande geringen Zahl geeigneter Standorte. Diese müssten per Strasse wie Stromleitung gut erschlossen und für die bis zu 50 Meter hohen Windturbinen landschaftsverträglich sein. Der Anteil der Windstromproduktion verharrt nach seiner Einschätzung als Nischenprodukt im Promillebereich.
Problem bei Windflaute
Eine ganze Reihe von Argumenten spricht nach Pfisterers Ansicht auch gegen einen Import aus der Nord- und Ostsee: Deutschland müsste dafür hunderte Kilometer neuer Stromleitungen erstellen. Deutschland wäre gezwungen, hohe Reservekapazitäten in Gas- und Kohlekraftwerken bereitzuhalten, um bei Windflaute die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Und zudem müsse der nördliche Nachbar gemäss Kyoto-Protokoll mit Windstrom erst einmal die eigenen CO2-Emissionen reduzieren.
Rettung für Mühleberg?
Völlig anders sieht das der Basler SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner: «Herrn Pfisterer und den BKW geht es in Tat und Wahrheit nur darum, ihr Kernkraftwerk in Mühleberg zu retten.» Die Studien würden belegen, dass Deutschland keine zusätzlichen Stromleitungen bauen müsste. «Wir importieren bereits heute Riesenmengen aus Frankreich.» Das einzige Anknüpfungsproblem bei den Offshore-Windturbinen im Meer bestehe auf dem Wasserweg hin zur nächsten Leitung auf dem Festland.
Strom für 166 000
Auch in wirtschaftlicher Hinsicht lohne es sich, in Wind- energie zu investieren: «In Dänemark haben sie innert sechs Monaten 80 Windturbinen aufgestellt, die heute 166 000 Haushalte mit Strom versorgen.» Windstrom koste deutlich weniger. Pfisterer widerspricht. Doch Differenzen bestehen in der Art und Weise des Vergleichs. Laut Rechsteiner müssen wennschon neue Windstromanlagen mit ebenso neuen Kernkraftwerken verglichen werden: «Ein Vergleich mit Werken, deren Investitionskosten längst abgeschrieben sind, hinkt.»
Pfisterer streitet ab, dass es ihm um wirtschaftliches Interesse oder den Erhalt «Mühlebergs» gehe: «Wir sind keine Politiker, wir müssen vor allem die Versorgungssicherheit gewährleisten können.» Auf seiner Seite hat er den Windstromexperten Christian Schneller des deutschen «Energieriesen» E.ON Energie AG. «Für einen Export in die Schweiz müssten wir durch ganz Deutschland acht Hochspannungsleitungen bauen - ein schwer durchsetzbares Vorhaben.»
Politische Debatte
Das Thema Windstrom dürfte in der politischen Debatte der kommenden Monate um die Atominitiativen eine massgebliche Rolle spielen. Voraussichtlich am 18. Mai 2003 wird das Stimmvolk über die Ausstiegsinitiativen «Strom ohne Atom» und «Moratorium plus» entscheiden.
Originalseite als PDF :
BZST-274-007-4c-2311-1.pdf 146.46Ko
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