Die BKW bezeichnet den Import von Strom aus ausländischen Windkraftwerken als unrealistisch
Am Dienstag diskutiert der Ständerat über die Initiativen «Moratorium» sowie «Strom ohne Atom». Windkraftwerke im Meer können laut BKW die Kernkraftwerke nicht ersetzen. Das Bundesamt für Energie ist etwas optimistischer.
Die Schweiz produziert 60 Prozent ihres Stroms umweltfreundlich durch Wasserkraftwerke. Die übrigen 40 Prozent stammen aus Kernkraftwerken. Im Zusammenhang mit den Initiativen «Moratorium» sowie «Strom ohne Atom» ist die Idee lanciert worden, die Schweizer Kernkraftwerke durch Windenergie zu ersetzen. Die nationalrätliche Energiekommission beauftragte das Bundesamt für Energie, diese Frage zu prüfen.
Das Bundesamt kam gestützt auf zwei Studien zum Schluss, dass der Atomausstieg dank Windenergie mit vertretbaren Mehrkosten möglich sei. Erreicht werden soll das Ziel durch eine Verzehn- bis Verzwanzigfachung der einheimischen Produktion sowie durch Windenergie aus der Nord- und Ostsee.
«Kein klassisches Windland»
«Die Schweiz ist kein klassisches Windland. Es ist nicht realistisch, 40 Prozent Kernenergie durch Windenergie zu ersetzen», sagte dagegen Martin Pfisterer, Leiter Kommunikation der BKW Energie AG, gestern an einer Pressekonferenz in Bern. Er sei zwar ein grosser Anhänger der Windenergie. Aber als Verwaltungsratspräsident der Juvent SA fordere er alle Beteiligten auf, realistisch zu bleiben, erklärte Pfisterer.
Die 1995 gegründete Juvent SA produziert mit sechs Turbinen auf dem Mont-Crosin im Berner Jura fünf Millionen Kilowattstunden pro Jahr. Das sind 80 Prozent der gesamten Windenergie in der Schweiz aber nur 0,1 Promille des gesamten schweizerischen Stromverbrauchs.
Windenergie kostet doppelt so viel wie Strom aus Wasserkraftwerken. Aber 1500 grosse und kleine Bezüger sind bereit, den höheren Preis zu bezahlen.
Obwohl die Nachfrage nach mehr Windenergie da wäre, seien die Ausbaumöglichkeiten begrenzt, sagte Jakob Vollenweider, Geschäftsführer der Juvent SA. Die in Frage kommenden Kretenstandorte seien abgelegen. Zudem stiessen sie auf den Widerstand des Landschaftsschutzes. Deshalb sei es fraglich, ob das von den Bundesbehörden angestrebte Ziel von 50 bis 100 Millionen Kilowattstunden Windenergie bis ins Jahr 2010 realistisch sei. Aus Sicht der Juvent SA werde die einheimische Energie ein Nischenprodukt bleiben, erklärte Vollenweider.
Park so gross wie der Genfersee
Die BKW räumt auch dem Import von Windenergie wenig Chancen ein. Die Idee besteht darin, im Meer riesige Windkraftwerke von der Fläche des Genfersees zu errichten und Strom in die Schweiz zu transportieren. Als Kronzeugen lud die BKW Christian Schneller von der E.ON Energie AG in München an die gestrige Pressekonferenz ein. Die E.ON ist mit einem Anteil von 20 Prozent die zweitgrösste Aktionärin der BWK. Sie ist aber auch eine der grössten Anbieterinnen von Windenergie im «Weltmeisterland» Deutschland.
«Wir sind zwar nicht Fussballweltmeister geworden, aber Deutschland ist Weltmeister bei der Windenergie», sagte Schneller. Ein Drittel der weltweit installierten Windkraftkapazitäten befinde sich in Deutschland. Bis Ende dieses Jahres sollen 12 000 Megawatt zwischen Bodensee und Nordsee installiert sein. Das entspreche 10 Prozent der gesamten Produktionskapazität in Deutschland. Trotzdem trage die Windenergie nur rund 3 Prozent zum deutschen Stromverbrauch bei. Der Wind blase eben nicht immer, sagte Schneller.
Das sei die Krux für die Schweiz: Für ihre fünf Kernkraftwerke mit einer Kapazität von 3000 Megawatt müsste sie riesige Reserven bereitstellen. Nötig seien Windkraftkapazitäten von 20 000 bis 60 000 Megawatt. Erst dann sei sichergestellt, dass immer ein Teil der Anlagen in Betrieb sei und genügend Strom produziere.
«Horrorszenario»
«Sie entwerfen einHorrorszenario», entgegnete Martin Renggli vom Bundesamt für Energie. Das Bundesamt gehe davon aus, dass die Kernkraftwerke durch Windkraftkapazitäten von 5000 Megawatt ersetzt werden können. Es sei nicht nötig, die Reserven ausschliesslich durch Windenergie zur Verfügung zu stellen. Die Schwankungen könnten auch durch Wasserkraft und Wärme-Kraft-Koppelung aufgefangen werden.
Schneller erklärte weiter, für den Stromtransport müsste eine neue Hochspannungsleitung mit acht Strängen von Norddeutschland bis in die Schweiz gebaut werden. Auch das sei ein Horrorszenario, sagte Renggli. Laut den vom Bundesamt beigezogenen Experten seien keine durchgehenden neuen Leitungen nötig. Eine Verstärkung des bestehenden europäischen Stromversorgungsnetzes genüge.
Schneller blieb aber dabei, dass allein für die beiden von der E.ON geplanten Offshore-Windkraftwerke 1000 Kilometer neue Stromleitungen quer durch Deutschland gezogen werden müssen.
Die E.ON werde auch die Produktion von Wasserstoff mit Windenergie prüfen, sagte Schneller. Der Wasserstoff wäre gespeicherte Windenergie. Damit könnten in dezentralen Brennstoffzellen Strom und Wärme produziert werden. Technisch sei das möglich. Aber der Wasserstoff sei heute noch zu teuer, sagte Schneller.