|
23.11.2002 - Aargauer Zeitung

KKW-Ersatz oder bloss «additiv»?

Windenergie SP und Grüne Partei setzen darauf, Stromversorger sind sehr skeptisch
Voraussichtlich am 18. Mai 2003 stimmt der Souverän über die «Strom ohne Atom»- und die «Moratorium plus»-Initiative ab. In der Frage, ob umweltfreundliche Windenergie den KKW-Strom ersetzen kann, herrscht Uneinigkeit. SP und Grüne Partei bauen darauf, Stromversorger melden Bedenken an.
Das Bundesamt für Energie (BFE) hat von den Planungsbüros Infras und Prognos zum Windenergiepotenzial zwei Studien erarbeiten lassen. Quintessenz des BFE aus diesen Studien: Der CO2-neutrale Ersatz der KKW durch Windstrom aus Offshore-Technologie sei mit vertretbaren Mehrkosten machbar. SPS, Grüne Partei und Energiestiftung setzen seither auf solche Windparks in der Nordsee. Der Basler SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner hat die hohen Ewartungen an die Windenergie in einem Mediengespräch unlängst in einem Satz auf den Punkt gebracht: «Billiger, sicherer und sauber». Die milliardenhohe Ausstiegskosten-Berechnung der BFE-Studien kann er aber nicht nachvollziehen (wir berichteten darüber).
Jakob Vollenweider von der Juvent SA, die auf dem Mont Crosin im Auftrag der Bernischen Kraftwerke AG (BKW) den bis dato grössten Schweizer Windpark betreibt, legte an einer von den BKW organisierten Medieninformation in Bern die Kosten dar: Windstrom sei in der Schweiz rund doppelt so teuer wie Wasserstrom. Zum Vergleich: In der Schweiz belaufen sich die reinen Gestehungskosten für Strom aus Wasserkraft auf rund 3-5, für KKW-Strom auf 4-6 Rp./kWh. Das Problem in der Schweiz sind die wenigen ausreichend windexponierten Standorte, von denen viele aus landschaftsschützerischen Erwägungen fraglich sind. Auf dem Mont Crosin resultieren rund 1300 Volllaststunden Strom pro Jahr. Deutsche Küstenregionen (2000 Stunden) und Offshore-Standorte (bis 4000 Stunden) bringen deutlich mehr Ertrag. Für einen substanziellen Beitrag an den Strommix müsste die Schweiz also auch aus Sicht der Stromversorger in anderen Regionen investieren; zum Beispiel in der Nordsee.
Deutschland weltweit führend
Eine vom deutschen Gesetzgeber festgelegte Entschädigung von 9,1 Cent (rund 13,5 Rp.) pro ins Netz eingespeiste kWh Windstrom hat in unserem nördlichen Nachbarland einen regelrechten Windenergieboom ausgelöst. Die Windparks rentieren für die Ersteller, die Mehrkosten werden von den Energiekonzernen auf die Kunden überwälzt. Bereits ist ein Drittel der weltweiten Windkraftkapazitäten in Deutschland installiert. Bis Ende dieses Jahres werden es rund 12 000 Megawatt (MW) sein, entsprechend rund 10 Prozent der gesamten installierten Erzeugungsleistung in Deutschland. Christian Schneller vom grössten deutschen Windenergiehändler, E.ON Energie AG München, legte in Bern dar, dass daraus aber maximal 3,5 Prozent der Stromproduktion resultieren. Dies, weil konventionelle Kraftwerke zwischen 4500 und 7500 Stunden im Jahr produzieren, Windkraftwerke aufgrund des Windaufkommens an der Nordseeküste nur rund 2000 Stunden. Um die Stromversorgung sicherzustellen, hält E.ON Reservekapazität in konventionellen Kraftwerken bereit, was den Windstrom um 1,5 Cent pro kWh verteuere.
BKW: «Ersatz unrealistisch»
Die deutsche Regierung will bis zum Jahr 2030 zusätzlich 25 000 MW Windenergie installieren lasssen - vorab in Offshore-Anlagen. Schneller glaubt, dass Deutschland diesen Strom selbst braucht, um das CO2-Ziel zu erreichen. Geklärt werden muss auch die Transportproblematik. Das BFE rechnet damit, dass der Strom über bestehende Leitungen transportiert werden könnte. Schneller meint, es bräuchte quer durch Deutschland eine neue «Stromautobahn», an deren Machbarkeit er nicht glaubt. Sein Fazit: Windenergie sei «aufgrund ihrer Unstetigkeit» auch in Deutschland lediglich eine «additive Energiequelle», an einen völligen Ersatz der Schweizer KKW durch Windenergie glaubt er nicht. Eine Einschätzung, der sich BKW-Direktor Martin Pfisterer anschliesst : Der KKW-Ersatz sei «unrealistisch, namentlich aus technischen, energiewirtschaftlichen, landschaftsschützerischen und umweltpolitischen Gründen». Damit liegen die Karten auf dem Tisch. Allerdings bleiben noch viele Fragen offen. Beide Seiten haben Zeit bis zum Frühling, um ihre jeweilige Position zuhanden der Stimmbürgerschaft zu erhärten.
|