Die Windenergie spielt auch in Zukunft höchstens eine marginale Rolle. Harter Widerstand der Landschaftsschützer, hohe technische Hürden und schlechte Windverhältnisse verhindern den Erfolg. Bernhard Kislig
SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner kämpft unermüdlich für die Windenergie. Er ist überzeugt, dass sie im Verbund mit weiteren erneuerbaren Energien, mit moderneren Wasserkraftanlagen und einigen Sparmassnahmen die Atomenergie schon bald vollständig ersetzen kann. Rechsteiner verweist auf Projekte in Deutschland, das in der Windenergieproduktion führend ist. Er erzählt von geplanten Windparks vor allem im Norden Deutschlands, «die 60 Mal das Atomkraftwerk Gösgen ersetzen». Er unterstreicht die raschen Fortschritte in der Technik: Effizienzsteigerung und sinkende Kosten machen nach seiner Ansicht den Wind zu einem verheissungsvollen Energieträger der Zukunft.
Doch derzeit gibts auch viel Gegenwind. Sogar atomenergiekritische Organisationen wenden sich entschieden ab. Die Vernehmlassung zum nationalen Konzept für Windenergie ist soeben abgelaufen. Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) hat das Konzept initiiert. Jetzt wendet sie sich grundsätzlich gegen den Windstrom. «Wir sind nicht bereit, für einen derart kleinen Ertrag so grosse Landschaftsschäden in Kauf zu nehmen», folgert Richard Pathey , stellvertretender SL-Geschäftsleiter, nach den Debatten um das neue Konzept.
Alles blockiert
Aus der Praxis beurteilen kann dies Martin Pfisterer . Er ist Geschäftsleitungsmitglied der BKW Energie AG und Präsident der BKW-Tochter Juvent SA , die 90 Prozent der schweizerischen Windenergie liefert. Pfisterer schätzt, dass der Anteil im Idealfall auf maximal 1 Prozent gesteigert werden kann. Der Wind trage heute mit 0,01 Prozent zur Stromproduktion unseres Landes bei . Und Pfisterer weiss, dass die Bevölkerung sich zunehmend gegen den Bau neuer Windturbinen wehrt. «Momentan sind schweizweit fast alle Projekte blockiert. In den Kantonen Waadt und Neuenburg setzen sich die Gegner in allen Verfahren zur Wehr.» Abgesehen davon sei allein schon der logistische Aufwand enorm. Auf Spezialfahrzeugen rollen die 50 bis 60 Meter hohen Türme der Juvent SA auf exponierte Kreten im Jura. Damit das überhaupt möglich ist, muss auf den letzten vier Kilometern die Strasse stellenweise begradigt werden.
Pathey von der SL kritisiert zudem, dass die Turbinen von der Nordsee nicht für schweizerische Verhältnisse geeignet sind: «Hier kommen die Winde aus verschiedenen Richtungen, und die Turbinen müssen in grosser Höhe gebaut werden, wo sie der Kälte ausgesetzt sind und Eis ansetzen können.» Tatsächlich muss die weltweit höchstgelegene Windkraftanlage auf 2300 Metern oberhalb von Andermatt (siehe Bild) trotz geheizter Rotorblätter schon nach kurzer Zeit komplett ersetzt werden.
Im Abwind
In Deutschland ist die Branche derzeit arg im Abwind. Vor wenigen Tagen meldete die «Financial Times Deutschland», dass der Windparkplaner Plambeck auf Platz zwei der Liste mit den 50 grössten Kapitalvernichtern unter deutschen Aktiengesellschaften figuriere. Ein Grund dafür ist, dass vermehrt mit Bürgerinitiativen gegen Neubauten angekämpft wird. Zudem machen die Energiekonzerne die Windkraft für höhere Strompreise verantwortlich. Ein weiterer Grund für die Skepsis der Banken sei die enttäuschende Performance vieler Windkraftfonds. Auch im Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» wird ausführlich über den Widerstand gegen die «Verspargelung der Landschaft» geschrieben. Und ökonomisch mache ein weiterer Ausbau wenig Sinn: Er würde Milliarden an Fördergeldern verschlingen, der Nutzen für die Umwelt wäre gering.
In der Schweiz sind die Voraussetzungen schlechter. Vor allem wegen der Topografie bläst der Wind hier nicht so regelmässig wie an der Nordsee und meist auch nicht so stark. Hans-Ulrich Schärer vom Bundesamt für Energie (BFE) ist dennoch zuversichtlich, dass der Windstrom in der schweizerischen Energieproduktion einen Anteil von 3 Prozent erreichen kann. Aber selbst trotz dieser optimistischen Prognose räumt er ein, dass Wind am Schweizer Strommarkt immer eine untergeordnete Rolle spielen wird. Rechsteiners Idee, in norddeutsche Windparks zu investieren und die Elektrizität quer durch Europa in die Schweiz zu importieren, beurteilt Schärer als eher unrealistisch.
Bild Keystone
Im Juni 2002 montierten Fachleute auf dem Gütsch oberhalb von Andermatt die Windturbine. Rasch wiesen die Propeller Risse auf. Die ganze Anlage muss bereits wieder komplett ersetzt werden.