Studie der Deutschen Energieagentur: Ungebremster Ausbau der alternativen Erzeugung überfordert europäisches Hochspannungsnetz
Ewald B. SchulteDer politisch forcierte Ausbau der Windenergie erhöht unter den gegenwärtig geltenden Rahmenbedingungen das Risiko großflächiger Stromausfälle in Deutschland und Europa. Zu diesem brisanten Ergebnis kommt eine neue von der Deutschen Energieagentur (Dena) in Auftrag gegebene Studie. Die beim Bundesumweltministerium angesiedelte Dena wird zu rund 50 Prozent aus Bundesmitteln finanziert.
Der Studie zufolge muss mit dem Bau weiterer Windenergieanlagen in das deutsche Hochspannungsnetz bis zum Jahr 2010 gut eine Milliarde Euro investiert werden. Weitere zwei Milliarden Euro sind für den windkraftbedingten Netzausbau bis zum Jahr 2020 erforderlich. Dabei noch nicht berücksichtigt sind die auf gut 15 Milliarden Euro veranschlagten Anschlusskosten für die beabsichtigten Offshore-Windpark-Projekte in Nord- und Ostsee.
Erhebliche Zusatzkosten entstehen zudem durch die notwendige Vorhaltung einer wachsenden Zahl von Ersatzkraftwerken. Deren Leistung wird dann benötigt, wenn die Windkraftanlagen wegen Flaute oder Sturm abgeschaltet werden müssen.
Nicht wirtschaftlich
An der Erarbeitung dieser Dena-Studie waren neben dem Energiewirtschaftlichen Institut Köln Windparkentwickler, Anlagenhersteller, die großen Stromnetzbetreiber sowie das Umwelt- und das Wirtschaftsministerium beteiligt. Der mehrfach überarbeitete Studientext, der der Berliner Zeitung vorliegt, soll in den nächsten Tagen von der Projektsteuerungsgruppe auch formell verabschiedet werden.
Der Studie zufolge gefährdet bereits der aktuelle Bestand an Windkraftanlagen die Stabilität des europäischen Stromverbundnetzes, denn die Verfügbarkeit und Übertragung der erforderlichen Reserveleistungen sei schon jetzt nicht mehr gewährleistet. Komme es an windstromstarken Tagen zu Netzstörungen und dadurch ausgelösten Abschaltungen der Windstromanlagen, führe dies "zu spontanen Leistungsdefiziten von mehreren Tausend Megawatt", auf die das europäische Verbundnetz so nicht vorbereitet sei.
Angesichts immer neuer Windkraftanlagen und der im Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) vorgebenen Regelung, wonach regenerativ erzeugter Strom bevorzugt ins Netz einzuspeisen ist, verschärfe sich dieses Problem schon bis zum Jahr 2007 massiv. Wegen der langwierigen Genehmigungsverfahren werde es nicht gelingen, bis dahin die schon heute definierten Netzengpässe zu beseitigen. Das werde dazu führen, dass wegen der bis dahin erreichten Gesamtkapazität der Windkraftanlagen von gut 4 600 Megawatt die konventionellen Kraftwerke wirtschaftlich nicht mehr optimal eingesetzt werden könnten. Diese Kraftwerke würden dann zunehmend nicht mehr im so genannten Mittellastbereich, sondern in Stromverbrauchs-Spitzenzeiten gefahren. Damit würden diese Kraftwerke deutlich weniger Geld einspielen, zudem würden die Anlagen deutlich schneller verschlissen. Auch der Stromhandel müsse stark eingeschränkt werden, wenn man die Systemsicherheit stabilisieren wolle.
Nach 2010 führe der Bau der Offshore-Windparks zur zunehmenden Verdrängung der konventionellen Kraftwerke. Bei Starkwind und geringem Strombedarf könne dann die Netzlast der insgesamt eingespeisten Windstrommenge entsprechen, so dass die konventionellen Kraftwerke dann nicht benötigt würden und "vollständig vom Netz genommen" werden müssten. Überflüssig aber wären sie beileibe nicht, denn sie müssten im Fall der Windkraft-Flaute unmittelbar wieder zugeschaltet werden können. Mit jedem weiteren Windkraftpark schießt der Bedarf nach einer solchen Ausfall-Reserve weiter in die Höhe. Laut Dena-Studie müsste der deutschen Energiewirtschaft im Jahr 2020 ein konventioneller Reserve-Kraftwerkspark mit einer Gesamtleistung von 11 000 Megawatt zur Verfügung stehen, um die für diesen Zeitpunkt absehbare Windstrom-Einspeisung abzusichern. Diese gigantischen Stromerzeugungs-Überkapazitäten könnten dann nur noch durch eine massive Ausweitung der deutschen Stromexporte wirtschaftlich halbwegs sinnvoll genutzt werden, falls bis dahin mit immens hohem Aufwand das Hochspannungsnetz entsprechend aufgerüstet sein sollte.
Zubau begrenzen
So weit wollen es die Autoren der Dena-Studie aber gar nicht erst kommen lassen. Um den von ihnen aufgezeigten "Gefahrenpotenzialen" für die deutsche Stromversorgung zu begegnen, fordern sie eine "systemverträgliche Integration der Windenergie". So müsse verhindert werden, dass der Bau neuer Windenergieanlagen vor allem im Küstenbereich zu einer Verdrängung konventioneller Kraftwerke führe. Zudem stellen die Autoren die Regelung im Erneuerbare Energien-Gesetz in Frage, wonach jede neue Windkraftanlage auch ans Stromnetz angeschlossen werden muss. Die Stromnetzbetreiber müssten die Möglichkeit erhalten, den Zubau solcher Anlagen auch aus technischen Gründen zu begrenzen. Zudem müssten weitere Ausbauvorhaben auf europäischer Ebene abgestimmt werden, da die Windenergienutzung auf Grund der Besonderheiten ihres Einspeise- und Netzverhaltens "nur durch erhebliche Abstützung auf das europäische Verbundsystem möglich sei".
Den Stromkonzernen reichen diese Vorschläge indes nicht aus: Sie fordern die Energiepolitik dringend auf, die bislang absolute Vorrang-Regelung zur Einspeisung von Windstrom abzuschwächen. Darüber hinaus sollten die Betreiber der Windkraftanlagen zu einem Gesamt-Management ihrer Stromerzeugungskapazitäten verpflichtet werden, um so den Bedarf an der zwingend vorzuhaltenden Ersatzenergie in überschaubaren Grenzen zu halten. Zudem werten die Stromkonzerne die Studie als Beleg dafür, dass die Windkraft die Kernenergie keinesfalls ersetzen kann.