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18.11.2006 - Der Bund

Bantiger mit Windturbine?

BERN - Fakten zur Frage, ob Windenergie auch in der Region Bern gewonnen werden könnte.
Warum Windturbinen nur auf dem Mont-Crosin und nicht auch nahe der Stadt Bern auf dem Bantiger? Diese Vision hat Bolligens Gemeindepräsidentin Margret Kiener Nellen kürzlich öffentlich geäussert. Der «Bund» hat die Idee überprüft. Fazit: Es ist nicht eine Frage des Winds, sondern primär des politischen Willens.
Auf dem Mont-Crosin hatte Margret Kiener Nellen ihr Schlüsselerlebnis: Ausnahmsweise herrschte bei ihrem Besuch auf den Jurahöhen zunächst Windstille. «Ich stand direkt unter einer Turbine, als plötzlich Wind aufkam und die mächtigen Rotorblätter sich in Bewegung setzten.» Da sei ihr so richtig bewusst geworden, «dass hier Energie gratis und franko durch die Luft geflogen kommt», erzählt die Bolliger Gemeindepräsidentin.
Insofern überrascht die Frage nicht, die Kiener Nellen am Gemeindepräsidentenanlass von «Bund» und BKW am Dienstag stellte: «Ist die Gewinnung von Windenergie nicht auch in der Region Bern möglich?» Man würde den Bantiger allenfalls zur Verfügung stellen. Eine schlüssige Antwort seitens der BKW gab es nicht der «Bund» ging auf Faktensuche.
Windstärke im grünen Bereich
Der Betrieb von Windturbinen braucht genügend Wind. Im Konzept Windenergie Schweiz aus dem Jahr 2004 des Bundesamts für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation steht: Potenzielle Standorte von Windparks müssen eine mittlere Windgeschwindigkeit von mindestens 4,5 Metern pro Sekunde (m/s) aufweisen. Nach dem Windmodell, das das Berner Büro Meteotest im Auftrag des Bundesamts für Energie erstellte, gibt es auf der Nord- respektive Ostseite des Bantigers ein Gebiet mit 4,7 m/s mittlerer Windgeschwindigkeit. «Das ist kein guter Wert», sagt Stefan Kunz von Meteotest, Mitautor des Konzepts Windenergie. Bezüglich Energiegewinnung mache nur schon ein Meter pro Sekunde extrem viel aus. «Das gäbe ziemlich teuren Bantigerstrom», sagt Kunz. Auf der anderen Seite sei alles eine Frage der Grundhaltung: «Wie viel darf erneuerbare Energie kosten? Soll man nur dort Windturbinen aufstellen, wo es am günstigsten ist? Oder eben dort, wo es Abnehmer hat?» Insofern habe Kiener Nellen nicht Unrecht mit ihrer Idee.
Es gibt weitere Faktoren, die für den Bantiger sprechen: Erstens die gute Zugänglichkeit für Installation und Wartung. Zweitens dürfen Windturbinen nicht im Wald und in Schutzgebieten gebaut werden. Lichtungen auf der Nordseite des Bantigerturms sind vorhanden, ein Schutzgebiet gibt es nicht. Zudem sei es sinnvoll, Windturbinen dorthin zu stellen, wo es bereits Verbauungen habe, sagt Kunz.
Rechnung muss aufgehen
Warum also hat die BKW bis heute keine Windturbine auf dem Bantiger gebaut? BKW-Sprecher Antonio Sommavilla sagt, letztlich müsse die betriebswirtschaftliche Rechnung aufgehen. Bei Windkraftwerken gebe es im Rahmen des Planungs- und Bauprozesses grosse Vorinvestitionen. Insgesamt würde man aber «gerne mehr machen» in Sachen Windenergie. Aus Gründen des Landschaftsschutzes stosse man aber oft auf Opposition. Zudem fehlten schlicht die nötigen Richtpläne. Auch Kunz sagt, momentan existiere im Kanton Bern für Windkraftwerke nur der Richtplan Mont-Crosin. «Es ist eine Frage des politischen Willens», sagt er.
Um diesen Willen steht es nicht so schlecht. Regierungsrätin Barbara Egger, Vorsteherin der kantonalen Bau-, Verkehrs und Energiedirektion, sagt, man müsse «endlich wegkommen vom Gedanken, dass nur Grosskraftwerke etwas bringen». Insofern belächle sie die Idee Kiener Nellens nicht im Gegenteil: Auch kleinere Anlagen seien wertvoll. «Das Bedürfnis nach erneuerbarer Energie und die Bereitschaft, dafür etwas zu bezahlen, sind vorhanden.» Was also muss geschehen, dass auf dem Bantiger ein Windkraftwerk gebaut werden kann? Komme nächste Woche die Energiestrategie im Grossen Rat durch, sei «ein guter Boden für Windenergie geschaffen», sagt Egger. Das nächste Ziel wäre ein Teilrichtplan Energie.
Zu nahe an den Bauernhöfen
Positiv tönt es auch beim Bundesamt für Energie. Der Standort Bantiger sei «nicht schlecht», sagt Hans Ulrich Schärer, Leiter Sektor erneuerbare Energie. Schliesslich wolle man ja nur in vorbelasteten Gebieten bauen. «Wir würden ein solches Projekt begrüssen.» Schärer betont aber, dass man sich grundsätzlich an die im Konzept vorgeschlagenen Standorte halten möchte. Darin erwähnt sind aus dem Kanton Bern etwa Ins, Kallnach und der Männlichen nicht aber der Bantiger. Der Grund: Windturbinen dürfen nicht näher als 300 Meter an bewohnte Gebäude gebaut werden. Rund um den Bantiger stehen viele Bauernhöfe.
Ist die Idee also doch nicht mehr als ein Hirngespinst? «Auch wenn es auf dem Bantiger nicht möglich ist: Vielleicht wird mit dieser Vision eine Grundsatzdiskussion in Gang gesetzt», sagt Kiener Nellen.
Chasseral ist Nummer 1
Ziel der Energiepolitik des Bundesrats ist es, mit dem Programm «Energie Schweiz» bis ins Jahr 2010 zusätzlich 500 Gigawattstunden Strom aus erneuerbaren Energien zu produzieren. Davon sollen 50 bis 100 aus Windkraftanlagen stammen.
Stefan Kunz, Geschäftsleiter von Meteotest Bern und Mitautor des nationalen Konzepts Windenergie, weist darauf hin, dass die absolut besten Windverhältnisse nicht etwa auf dem Mont-Crosin, sondern auf dem Chasseral herrschen. «Eine Turbine auf dem Chasseral würde gleich viel Strom liefern wie vier Turbinen auf dem Mont-Crosin.» Der Chasseral sei zwar Schutzgebiet. «Aber er ist schon heute ziemlich verbaut.» Man müsse sich ganz generell fragen, ob man für die Produktion von erneuerbarer Energie diesen idealen Standort nicht nutzen sollte.
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